A: "Erkennen Sie die Melodie?" B: "Nein."
So einfach kann es manchmal sein. Zwei anstrengende, aber durchaus schöne Tage liegen hinter mir und ich hatte viel Spaß, bin jetzt aber auch von Whiskey beseelt und bettwarm durch ein passendes Utensil, das sich auf der Matratze befindet und in das ich mich eingehüllt habe. Weitere Erklärungen erspare ich mir.
A: "Nicht? Das Lied kennt doch jeder!" B: "Ich nicht."
Und dann gibt es auch noch solche Abende wie den diesen, an denen dann so großartige Menschen herumlaufen und alles mit ihrer Gegenwart und ihrer Kunst bereichern. Zum Beispiel Dan Delgado aus Stuttgart oder Tim Schmidt, der eigens aus Schweden angereist war und auch Stefan Ebert, welcher wiederum aus Mannheim den Weg nach Hamburg angetreten hatte. Dass es mit diesen Menschen dann nach und auch während eines Songwriter-Slams sehr schön sein kann, ist fast schon selbstverständlich. Großartige Sänger, die tolle Ideen haben und sie auch dementsprechend umsetzen - ein dritter Platz ist da schon eine Auszeichnung. Beinahe. Ich bin noch ganz berauscht, was nichts mit dem Whiskey zu tun hat, der nach dem Finale kredenzt wurde und von dem Stefan nichts wissen wollte. Alle anderen schon, und da auch ich nicht abgeneigt war, sang ich auf der Rückfahrt so vor mich hin und zog mir Mitleid und dem angepasste Blicke zu, die ich mit einem zufriedenen Lächeln erwiderte. Wenn, ja, wenn die Zahlen nicht wären, dann könnte mein Leben tatsächlich nicht besser sein als in diesen Tagen. Sollte jemand eine kleinere, vierstellige Summe zur Verfügung haben und nicht wissen, was er damit sinnvoll bewerkstelligen kann, dann böte ich mich und meine Kunst wohlfeil.
Womit ich gleich bei einem Gedankengang bin, der in mir herumtobt und dessen Ursprung mich immer noch Kopfschütteln macht. Da las ich auf so einer Info-Tafel in einem Bahnhof, dass jeder für "3 Euro im Monat einen Sportler unterstützen kann". Sieh an. Einen Sportler, der seinen Körper stählt und dem ich das finanziere, dass er sein Hobby zum Beruf macht, dem ich damit helfe, dass er irgendwann einen Werbevetrag abschließt und Tausende von Euro verdient, einen Sportler zu unterstützen, der seinen Körper ein paar Jahre quält, um dann wieder zu verschwinden. Da dreht sich in mir alles. Da frage ich mich, was das soll und warum die Menschen den Sport unterstützen müssen, die Kunst aber auf der Strecke bleiben soll. Was ist mit "3 Euro für einen Künstler, werden Sie Pate und schaffen Sie gemeinsam etwas Bleibendes". Ich kenne weitaus mehr Künstler, die es verdient hätten, dass man sich finanziell um sie kümmert, als dass es Sportler nach meiner subjektiven Meinung nötig hätten, sich privat unter die Arme zu greifen. Die modernen Gladiatioren, die sich in Arenen um Goldmedaillen schlagen und dabei Hilfsmittel in sich hineinpumpen, es abstreiten und am Ende dann doch überführt werden, diese Gladiatoren interessieren mich nicht. Sport ist Kommerz und ich will auch gar nicht wissen, wieviel von den drei Euro wirklich bei dem Sportler ankommt, ich will auch gar nicht wissen, zu welchen Zwecken die Kunst missbraucht würde, wenn es ein ähnliches Projekt gäbe. Die Kunst ist keine Hure, die sich kaufen lässt. Das ist gut so, auch wenn ich es manchmal verteufle, weil wahre, große Künstler in diesem Land einfach vor die Hunde gehen und es immer noch so ist, dass sie dann eines Tages posthum entdeckt werden. Das ist tragisch, aber auch irgendwie schön. Einem Sportler wird das nicht widerfahren, aber es wäre amüsant, das mal zu erleben. Unsinn. Schon klar. Aber amüsanter Unsinn. Sportler schmelzen wie Schnee, die Kunst ist monumental genug, um viele Jahreszeiten zu überdauern. Denke ich. An die ersten Olympioniken erinnert sich niemand mehr, aber an Homer schon. Schön, Sportler sind also wie Schnee.
A: "Tick-Tick-Ta-Ta-Tick-Tick-Tick-Ta. Wissen Sie jetzt, was ich meine? Das müssen Sie doch kennen? Wenn nicht, dann spiele ich es Ihnen mal vor..." B: "Nein, ich höre nur das, was ich kenne und ich esse nur das, was ich schon mal gegessen habe, ich treffe nur die Menschen, die ich mag und ich sehe mir nur die Filme an, die ich schon mal gesehen habe." A: "Wie abenteuerlich..." B: "Um Gottes Willen, nein!"
Es taut und ich weiß nicht, ob ich die Welt ohne das Weiß noch ertragen kann oder will. Die Uniform der Natur hatte etwas Beruhigendes, strahlte Harmonie aus. Der Schmutz, der darunter liegt und nun zangsläufig wieder zutage kommen muss, wird nicht ebenfalls tauen, er bleibt liegen. So wie das mit den Menschen ist, die sich für ein paar Tage, Monate ändern, weil sie halbherzig ein paar Dinge in sich in den Griff bekommen wollen, um dann doch wieder in den alten Trott zurückzufallen. Das ist menschlich, das ist schade. Gute Vorsätze halten oft nicht viel länger als der Schnee, Gefühle sind auch nicht von Dauer. Meistens. Mit der Unendlichkeit ist das eben so eine Sache: Entweder man hat sie oder eben nicht. Ich habe sie. Aber ich weiß auch, was sie wert ist.
Grüße. An Dan und Tim und all die anderen großartigen Musiker des gestrigen Abend, an Stefan zum Gewinn im Zeise sowie an Gauner und Aniko, an Moritz und Jan-Oliver sowie an das Zeise, das atmosphärisch einfach kompliziert, aber immer reizvoll ist. Und, ja, die Sache mit dem vierstelligen Betrag war ernst gemeint, verdammt.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab... |
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Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen.“Die Wahrheit”, sagt mein Bruder, “die Wahrheit ist die beste Lüge, denn niemand wird dir glauben.” Niemand wird mir glauben, davon bin ich überzeugt, aber ich habe mir sein jenem Abend selbst versprochen, nur noch die Wahrheit zu sagen. Nichts anderes als die Wahrheit, auch wenn mir kein Gott helfen kann. (aus "Feuerbrüder")
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